Künstlerische Therapien

Im Wikipedia-Arteil „Künstlerische Therapie“ heißt es:

„Der an der Universität Münster Musiktherapie und Rhythmik/Tanz lehrende Karl Hörmann prägte 1985 anlässlich eines dort von ihm organisierten dreitägigen Symposions[10] in Anlehnung an die an Kunst- und Musikhochschulen vertretenen professionellen Ausbildungen zu Künstlern die seither gängige Bezeichnung Künstlerische Therapien.“[11]

Dieser Intention zufolge müssten die künstlerischen Therapeuten Ärzten, Psychologen und beamteten Lehrern gleichgestellt werden. Zumindest an der Universität Münster war als Eingangsvoraussetzung für den Zusatzstudiengang Musiktherapie ein abgeschlossenes Lehramtsstudium mit Hauptfach Musik Bedingung. Einen akademischen Abschluss mit Schwerpunkt Tanz oder Musik sah auch der vom Senat der Deutschen Sporthochschule 1987 beschlossene Zusatzstudiengang Musik- und Tanztherapie vor. Dieser war durch Intrigen von Personen der Musik- bzw. Tanztherapieszene, die nie eine Chance auf eine Anstellung an einer Hochschule hatten und um die Einnahmen aus ihren privaten Angeboten gefürchtet hatten, hintertrieben worden. Der gegen größte Widerstände vor allem von Seiten der Musikpädagogen von 1977 bis bis zur Anerkennung 1984 erreichte Zusatzstudiengang Musiktherapie musste unter der 1990 auf meine Stelle folgenden Nachfolgerin schließlich gar zweimal und dann endgültig eingestellt werden. Wie die Universität Frankfurt hatte sich auch die Universität zu diesem nicht leicht gefallenen Entschluss durchringen müssen. Einerseits waren hier wie dort die leitenden Personen nicht habilitiert, so dass in Münster die ursprünglich ausgeschriebene C3-Professur für Musiktherapie in eine Stelle „Studienrat im Hochschuldienst“ herabgestuft werden musste, nachdem der einzige habilitierte Bewerber als Titelschwindler entlarvt worden war. Wenn sich aber jemand „Studienrätin im Hochschuldienst“ bezeichnen darf, selbst aber weder ein 1. noch ein 2. Staatsexamen für das höhere Lehramt absolviert hat und somit nicht einmal die Eingangsvoraussetzungen der Bewerber erfüllt, war das Desaster abzusehen. Zunächst blieben mehr und mehr die Interessenten weg. Dann, 2010, wurden die Eingangsvoraussetzungen aus der Studienordnung gestrichen und die Prüfungsordnung geändert, jedoch mit nur kurzfristigem, aber nicht anhaltendem Erfolg, so dass der Zusatzstudiengang nach zwei Jahren 2012 endgültig eingestellt wurde. Die Euphorie von 1984 und 1985, die sich auch in der Presse und in Rundfunk und Fernsehen breit gemacht hatte, verflog zusehends und wich nach dem Motto „Masse statt Klasse“ der Quantität statt Qualität. An eine Verbeamtung von künstlerischen Therapeuten ist nicht mehr zu denken.

Der zu jener Zeit von mir geprägte, an die an Kunst- und Musikhochschulen vertretenen professionellen Ausbildungen zu Künstlern angelehnte Begriff „Künstlerische Therapien“ hat zwar alle anderen Bezeichnungen wie Gestaltungs- oder Kreativtherapien verdrängt – jedoch zu Unrecht. Die Bezeichnung Künstlerische Therapien betont schließlich die künstlerische Intention, zu deren Realisation eine gediegene Ausbildung an Kunst- und Musikhochschulen gehört – wenngleich keine Regel ohne die berühmte, eher seltene  Ausnahme. Wer zumindet unter den Lehrenden normalerweise nicht wenigstens eine Lehramtsstudium mit Hauptfach Musik, Kunst oder Tanz absolviert oder wenigstens einen Abschluss für Privatmusiklehrer, eine als vergleichsweise anspruchlos geltende Qualifikation, erreicht hat und sich künstlerischer Therapeut nennt, betreibt einen längst üblichen Etikettenschwindel. Künstlerische Therapeuten nennen sich gar Leute mit Professorentitel, obgleich sie keinerlei Musikinstrument beherrschen. Da stellt sich die Frage, wie wollen deren Absolventen lernen, wie Patienten aus dem Wirkungspotential von Musik bedient (= die wörtliche Bedeutung von therapeuein) werden und sich Musik selbst zunutze machen können, wenn ihre Lehrenden nicht einmal zu einer rudimentären Demonstration imstande sind. Für den Autor des eingangs erwähnten Artikels ist anstelle der eigentlichen Aufgabe von Künstlerischen Therapien lediglich „die Auseinandersetzung mit künstlerischen Medien Hauptmerkmal der therapeutischen Praxis“. Unter „Auseinandersetzung“ darf das in der Psychotherapie übliche Sprechen als Ersatzhandlung verstanden werden.  Unermüdlich und offensichtlich vergebens hatte der Dipl.-Kunsttherapeut, approbierte Dipl.-Psychoge und Ordinarius Walther Zifreund das grassierende „Reden über …“ angeprangert und für eine handlungsaktivierende künstlerisch-therapeutische Praxis geworben: https://www.bkmt.de/Zifreund_Kuenstl_Therapien_1988.pdf und https://bkmt.de/Zifreund_1988_S._%2021-37.pdf.

Bemerkenswerterweise sagte der für seine Schlagfertigkeit berühmte Entertainer Thomas Gottschalk anlässlich des ihm am 9.11.2022 in Passau verliehenen „Menschen in Europa“-Kunst-Award, er sehe sich nicht als Künstler: „Ich bin kein Künstler. Das Spontane hat für mich nichts mit Kunst zu tun. Das Spontane ist eine Begabung. Dass man es schafft, etwas zu formulieren, während man es sieht.“ Im Gegensatz zu ihm mache sich ein Künstler vorher Gedanken, was er sagen will.

Geklimper und angeblich kreatives Panschen ist das Gegenteil davon. Künstlerische Therapien, die diese Bezeichnung verdienen. unterscheiden sich von jenen anderen Gebieten, die durchaus einen Sinn haben. Auch sie wollen therapieren, aber eben nicht unter dem Aspekt des genuin Künstlerischen. Je mehr die holde Kunst reduziert und ignoriert wird, desto weniger gelingt es ihr, „den Himmel beßrer Zeiten“ zu erschließen.

Auch der Begriff „Musiktherapie“ ist längst aufgeweicht und grenzenlos nivelliert. Alles, wo irgendwie Klänge vorkommen, nennt sich Musik- oder gar Künstlerische Therapie. Da jeder Mensch eine Stimme besitzt und seine Sprechstimme in irgendeiner Weise einsetzen kann, wird auch in der Musiktherapie nach dem Motto von Joseph Beuys verfahren „Jeder ist ein Künstler“ (so der Titel seines Vortrags von 1978), womit dem Dilettantismus Tür und Tor geöffnet ist.

Musiktherapie im engeren Sinne meint die Angewandte Musikpsychologie mit ihren dem Kompositum Musik-Psychologie eigenen zwei Ausrichtungen:

  • Erkennen des musikalischen Gehalts und seine diesbezügliche Interpretation eines musikalischen Werks aufgrund eigehender Analyse einer möglichst schriftlich vorliegenden Komposition,
  • Verwenden und Modifizieren von musikalischen Vorgaben zu individuumsbezogenen Therapiezwecken.

Während die erste Bedeutung von Angewandter Musikpsychologie das griechische Wort therapeuein im ursprünglichen Sinne von pflegen, sorgfältig behandeln und weiterbilden versteht und damit einen pädagogischen Zweck verfolgt, nämlich einen Adressaten eher verhaltenstherapeutisch zu musikalisieren, wird im anderen Verständnis von Musiktherapie das Medium Musik dazu verwendet, den mehr oder weniger musikalisch ungebildeten Patienten mit elementaren Substanzen und Komponenten von Musik zu erreichen, sei es, indem er ermuntert wird, eigene Erfahrungen mit dem Klangmaterial zu machen und dabei die Wirkung des Wiederholens und des Formens eines oder mehrerer musikalischer Parameter zu erfahren, oder sei es, dass er mehr oder weniger rezeptiv sich solcher Wirkung aussetzt und dabei ebenfalls die ordnende Wirkung erspürt, die sein inneres Chaos reguliert. Diese Art von Musiktherapie nutzt in mehr oder weniger getrennten oder zusammenwirkenden operanten und/oder psychodynamischen Verfahrensweisen Klangmaterial zur nonverbalen Anbahnung und Förderung einer Kommunikation von Patient und Therapeut oder zum Musizieren in der Gruppe, wobei das Wort Gruppentherapie fälschlicherweise signalisiert, eine Gruppe lasse sich therapieren. Therapie bezieht sich immer auf eine Person, auch wenn sie sich in einer Gruppe befindet. Ein Betätigen von Klangmaterialien ohne musikpsychologisch fundiertes Wissen um ihre Möglichkeiten aktiviert zwar und erzeugt mehr oder weniger motivierende Erlebnisse, ist aber angesichts der nicht genutzten Möglichkeiten Geklimper und vertane Zeit. Gleichwohl ist sie nicht nicht wertlos, wie die großenteils auf Compliance basierenden rund 73 Milliarden Euro jährlichen Umsätze von Wellness im Sinne von hauptsächlich passiven Wohlfühlangeboten eindrucksvoll zeigen.

Künstlerische Therapien sind mehr als eines ihrer vornehmlich nonverbalen Gebiete wie Musik, bildnerisches Gestalten und Tanz. Sie beziehen die anderen künstlerischen Bereiche in ihrer therapeutischen Arbeit mit ein. Z. B. kann die Verbindung von Musik und Malen im Musikmalen von der einen ebenso wie von der anderen Seite des zusammengesetzten Begriffs Musikmalen angegangen werden. Und selbstverständlich sollte zum Musizieren und Musikhören die Beachtung und gezielte Formung der nonverbalen Bewegung bis hin zu ihrer künstlerischen Strukturierung gehören, da aus ihr ein Werkcharakter resultieren kann, der dem Patienten zurecht das Erfolgserlebnis des produktiv schaffenden Individuums gibt. Nicht von ungefähr sagte Friedrich Nietzsche: „Trau keinem Satz, der im Sitzen entstanden ist.“ Gesungen und musiziert sollte möglichst im Stehen und Zulassen von musikangemessenem Mitreagieren vonstattengehen. Das steigert nicht nur das Musikerleben, sondern offenbart dem Betrachter das, was Gustav Mahler meint, wenn er sagt: „Das Wesentliche in der Musik steht nicht in den Noten.“

Musikpsychlogisch fundierte und erst recht künstlerische Therapien sehen den Patienten ganzheitlich im Sinne der Welt mit ihrem Bezug zum Kosmos. Der Volksmund bezeichnet eine Stimmigkeit mit dem Wort, die Sache oder Arbeit sei nun rund, also nicht einseitig und unfertig. Das eine tun, das andere nicht lassen, aber nicht dilettantisch, sondern in Respekt und Ehrfurcht sich auch jenen künstlerischen Gebieten nähern, die die Multimodalität, die das Erleben nun mal ausmacht, berücksichtigt. Als Musiker und besonders als Musiktherapeut erlebe ich erst dann jenen Flow, wenn ich das ganzheitliche Ergriffenwerden zulasse und vom Standpunkt der mir Sicherheit verleihenden technischen Beherrschung meines Instruments musikalisch multimodal, d.h. alles Sinne ansprechend, zu gestalten in der Lage bin. Mit diesem Können kann ich mich selbst regulieren, aber auch auf den Hörer ordnungsschaffend und erlebnisüberhöhend einwirken.

Nicht zu unterschätzen ist dabei die Distanzierungsfähigkeit. Wo eine wissenschaftliche Ausbildung gänzlich fehlt, kann diese schwerlich durch eine Lehranalyse kompensiert werden. Solche Personen beziehen die allenthalben sichtbaren, aus Gründen des Selbstschutzes aber gesellschaftlich verpönten und verdrängten Fakten, die oftmals für das gestörte Lebensgefühl eines Patienten verantwortlich sind, gerne auf sich. Welch gravierend verstörenden Eingriff nicht zu leugnende Phänomene unserer Gesellschaft haben, wird beispielhaft unter „Justiz und Psychiatrie“ gezeigt und mit der Frage verbunden, ob und ggf. wie hier Musiktherapie noch Sinn machen kann. Vor allem aber ist diese Frage den meist auf fürsorgliche, künstlerisch therapeutische Bemutterung von Kindern und Jugendlichen ausgerichteten Therapieangeboten zu stellen, wenn sie bereit sind, sich die Sendung anzuhören, in der zu Beginn ausdrücklich davor gewarnt wird, dass sie verstörend sein könne. Die darin geschilderte vielfache Realität kann erst recht nicht von einer sensiblen, harmoniebeflissenen und dadurch sympathisch erscheinenden Person nicht ausgeblendet werden, wenn sie mit solchen Patienten arbeiten will.

Ein „in den falschen Hals“ geratenes Wort kann bei sochlen, die düsteren Seiten der gesellschaftlichen Realität vermeidenden Künstlern schlagartig vergessen machen, was bislang und eben noch begeistert hat, ohne dass der betroffene Sprecher erfährt, was denn plötzlich los ist. Sie erweisen sich als einsichts- und therapieresistent. Damit ist eine solche Person für einen therapeutischen Beruf schwerlich geeignet. Im ICD und DSM finden sich die diesbezüglichen Diagnosebegriffe, die in den künstlerischen Therapien wegen den Folgen einer Etikettierung nicht ausgesprochen werden. Solch ein Musiklehrer etwa ist aber durchaus in der Lage, Fingertechnik zu vermitteln. Doch gilt hier das Wort des Violinvirtuosen Isaac Stern: „Das größte Verbrechen eines Musikers ist es, Noten zu spielen anstatt Musik zu machen.“

Begriffe wie Künstlerische, Gestaltungs- und Kreativtherapien treffen, wie die damit verbundenen missverständlichen und gar missbräuchlichen Verwendungen zeigen, nicht das, worauf es in einem individuumszentrierten therapeutischen Arbeiten ankommt. Angesichts der Ergebnisse der Hirnforschung ist hier entscheidend, die körperliche und psychische Spannung und Verspanntheit eines Leidenden zu lösen und neurophysiologisch und seelisch zu harmonisieren. „Der Ton macht die Musik.“  Die treffende Bezeichnung für solcherart therapeutisches Tun, das den Namen „künstlerische Therapie“ wirklich verdient, kann nur heißen Ton-Psychologie!

Univ.-Prof. Dr. Dr. Karl Hörmann

Dieser Beitrag wurde unter Bedenkenswertes veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert