Künstlerische Therapien

Der von mir stammende, erstmals 1985 in dem von mir an der Universität Münster organisierten Symposion zur Musik- Tanz- und Kunsttherapie verwendete Begriff „Künstlerische Therapien“ hat alle anderen Bezeichnungen wie Gestaltungs- oder Kreativtherapien verdrängt – zu Unrecht. Künstlerische Therapien betonen die künstlerische Intention, zu deren Realisation eine gediegene Ausbildung an Kunst- und Musikhochschulen gehört – wenngleich keine Regel ohne die berühmte höchst seltene  Ausnahme.

Bemerkenswerterweise sagte der für seine Schlagfertigkeit berühmte Entertainer Thomas Gottschalk anlässlich des ihm am 9.11.2022 in Passau verliehenen „Menschen in Europa“-Kunst-Award, er sehe sich nicht als Künstler: „Ich bin kein Künstler. Das Spontane hat für mich nichts mit Kunst zu tun. Das Spontane ist eine Begabung. Dass man es schafft, etwas zu formulieren, während man es sieht.“ Im Gegensatz zu ihm mache sich ein Künstler vorher Gedanken, was er sagen will.

Künstlerische Therapien unterscheiden sich von jenen Gebieten, die durchaus einen Sinn haben. Auch sie wollen therapieren, aber eben nicht unter dem Aspekt des genuin Künstlerischen. Je mehr die „holde Kunst reduziert und ignoriert wird, desto weniger gelingt es ihr, „den Himmel beßrer Zeiten“ zu erschließen,

Auch der Begriff „Musiktherapie“ ist längst aufgeweicht und grenzenlos nivelliert. Alles, wo irgendwie Klänge vorkommen, nennt sich Musik- oder gar Künstlerische Therapie. Da jeder Mensch eine Stimme besitzt und seine Sprechstimme in irgendeiner Weise einsetzen kann, wird auch in der Musiktherapie nach dem Motto von Josepf Beuys verfahren „Jeder ist ein Künstler“ (so der Titel seines Vortrags von 1978), womit dem Dilettantismus Tür und Tor geöffnet ist.

Musiktherapie im engeren Sinne meint die Angewandte Musikpsychologie mit ihren dem Kompositum Musik-Psychologie eigenen zwei Ausrichtungen:

  • Erkennen des musikalischen Gehalts und seine diesbezügliche Interpretation eines musikalischen Werks aufgrund eigehender Analyse einer möglichst schriftlich vorliegenden Komposition,
  • Verwenden und Modifizieren von musikalischen Vorgaben zu individuumsbezogenen Therapiezwecken.

Während die erste Bedeutung von Angewandter Musikpsychologie das griechische Wort therapeuein im ursprünglichen Sinne von pflegen, sorgfältig behandeln und weiterbilden versteht und damit einen pädagogischen Zweck verfolgt, nämlich einen Adressaten eher verhaltenstherapeutisch zu musikalisieren, wird im anderen Verständnis von Musiktherapie das Medium Musik dazu verwendet, den mehr oder weniger musikalisch ungebildeten Patienten mit elementaren Substanzen und Komponenten von Musik zu erreichen, sei es, indem er ermuntert wird, eigene Erfahrungen mit dem Klangmaterial zu machen und dabei die Wirkung des Wiederholens und des Formens eines oder mehrerer musikalischer Parameter zu erfahren, oder sei es, dass er mehr oder weniger rezeptiv sich solcher Wirkung aussetzt und dabei ebenfalls die ordnende Wirkung erspürt, die sein inneres Chaos reguliert. Diese Art von Musiktherapie nutzt in mehr oder weniger getrennten oder zusammenwirkenden operanten und/oder psychodynamischen Verfahrensweisen Klangmaterial zur nonverbalen Anbahnung und Förderung einer Kommunikation von Patient und Therapeut oder zum Musizieren in der Gruppe, wobei das Wort Gruppentherapie fälschlicherweise signalisiert, eine Gruppe lasse sich therapieren. Therapie bezieht sich immer auf eine Person, auch wenn sie sich in einer Gruppe befindet. Ein Betätigen von Klangmaterialien ohne musikpsychologisch fundiertes Wissen um ihre Möglichkeiten aktiviert zwar und erzeugt mehr oder weniger motivierende Erlebnisse, ist aber angesichts der nicht genutzten Möglichkeiten Geklimper und vertane Zeit. Gleichwohl ist sie nicht nicht wertlos, wie die großenteils auf Compliance basierenden rund 73 Milliarden Euro jährlichen Umsätze von Wellness im Sinne von hauptsächlich passiven Wohlfühlangeboten eindrucksvoll zeigen.

Künstlerische Therapien sind mehr als eines ihrer vornehmlich nonverbalen Gebiete wie Musik, bildnerisches Gestalten und Tanz. Sie beziehen die anderen künstlerischen Bereiche in ihrer therapeutischen Arbeit mit ein. Z. B. kann die Verbindung von Musik und Malen im Musikmalen von der einen ebenso wie von der anderen Seite des zusammengesetzten Begriffs Musikmalen angegangen werden. Und selbstverständlich sollte zum Musizieren und Musikhören die Beachtung und gezielte Formung der nonverbalen Bewegung bis hin zu ihrer künstlerischen Strukturierung gehören, da aus ihr ein Werkcharakter resultieren kann, der dem Patienten zurecht das Erfolgserlebnis des produktiv schaffenden Individuums gibt. Nicht von ungefähr sagte Friedrich Nietzsche: „Trau keinem Satz, der im Sitzen entstanden ist.“ Gesungen und musiziert sollte möglichst im Stehen und Zulassen von musikangemessenem Mitreagieren vonstattengehen. Das steigert nicht nur das Musikerleben, sondern offenbart dem Betrachter das, was Gustav Mahler meint, wenn er sagt: „Das Wesentliche in der Musik steht nicht in den Noten.“

Musikpsychlogisch fundierte und erst recht künstlerische Therapien sehen den Patienten ganzheitlich im Sinne der Welt mit ihrem Bezug zum Kosmos. Der Volksmund bezeichnet eine Stimmigkeit mit dem Wort, die Sache oder Arbeit sei nun rund, also nicht einseitig und unfertig. Das eine tun, das andere nicht lassen, aber nicht dilettantisch, sondern in Respekt und Ehrfurcht sich auch jenen künstlerischen Gebieten nähern, die die Multimodalität, die das Erleben nun mal ausmacht, berücksichtigt. Als Musiker und besonders als Musiktherapeut erlebe ich erst dann jenen Flow, wenn ich das ganzheitliche Ergriffenwerden zulasse und vom Standpunkt der mir Sicherheit verleihenden technischen Beherrschung meines Instruments musikalisch multimodal, d.h. alles Sinne ansprechend, zu gestalten in der Lage bin. Mit diesem Können kann ich mich selbst regulieren, aber auch auf den Hörer ordnungsschaffend und erlebnisüberhöhend einwirken.

Nicht zu unterschätzen ist dabei die Distanzierungsfähigkeit. Wo eine wissenschaftliche Ausbildung gänzlich fehlt, kann diese schwerlich durch eine Lehranalyse kompensiert werden. Solche Personen beziehen die allenthalben sichtbaren, aus Gründen des Selbstschutzes aber gesellschaftlich verpönten und verdrängten Fakten, die oftmals für das gestörte Lebensgefühl eines Patienten verantwortlich sind, gerne auf sich. Welch gravierend verstörenden Eingriff nicht zu leugnende Phänomene unserer Gesellschaft haben, wird beispielhaft unter „Justiz und Psychiatrie“ gezeigt und mit der Frage verbunden, ob und ggf. wie hier Musiktherapie noch Sinn machen kann. Vor allem aber ist diese Frage den meist auf fürsorgliche, künstlerisch therapeutische Bemutterung von Kindern und Jugendlichen ausgerichteten Therapieangeboten zu stellen, wenn sie bereit sind, sich die Sendung anzuhören, in der zu Beginn ausdrücklich davor gewarnt wird, dass sie verstörend sein könne. Die darin geschilderte vielfache Realität kann erst recht nicht von einer sensiblen, harmoniebeflissenen und dadurch sympathisch erscheinenden Person nicht ausgeblendet werden, wenn sie mit solchen Patienten arbeiten will.

Ein „in den falschen Hals“ geratenes Wort kann bei sochlen, die düsteren Seiten der gesellschaftlichen Realität vermeidenden Künstlern schlagartig vergessen machen, was bislang und eben noch begeistert hat, ohne dass der betroffene Sprecher erfährt, was denn plötzlich los ist. Sie erweisen sich als einsichts- und therapieresistent. Damit ist eine solche Person für einen therapeutischen Beruf schwerlich geeignet. Im ICD und DSM finden sich die diesbezüglichen Diagnosebegriffe, die in den künstlerischen Therapien wegen den Folgen einer Etikettierung nicht ausgesprochen werden. Solch ein Musiklehrer etwa ist aber durchaus in der Lage, Fingertechnik zu vermitteln. Doch gilt hier das Wort des Violinvirtuosen Isaac Stern: „Das größte Verbrechen eines Musikers ist es, Noten zu spielen anstatt Musik zu machen.“

Begriffe wie Künstlerische, Gestaltungs- und Kreativtherapien treffen, wie die damit verbundenen missverständlichen und gar missbräuchlichen Verwendungen zeigen, nicht das, worauf es in einem individuumszentrierten therapeutischen Arbeiten ankommt. Angesichts der Ergebnisse der Hirnforschung ist hier entscheidend, die körperliche und psychische Spannung und Verspanntheit eines Leidenden zu lösen und neurophysiologisch und seelisch zu harmonisieren. „Der Ton macht die Musik.“  Diese treffende Bezeichnung für solcherart künstlerisch therapeutisches Tun kann nur heißen Ton-Psychologie!

Univ.-Prof. Dr. Dr. Karl Hörmann

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