Hirnforschung – Seminar am 17.-19.6.2011

„Wir können den Geist ebenso wenig mithilfe von Nervenzellen erklären, wie wir das Tanzen mithilfe von Muskeln erklären können“ (Alva Noe: Du bist nicht dein Gehirn. Eine radikale Philosophie des Bewussteins. München: Piper 2010)

DER SPIEGEL Nr. 18 v. 2.5.2011, S. 120-123: „Großhirn-Vodoo“ v. Philip Bethge:
„Nach 15 Jahren des Booms ist jetzt die Euphorie bei vielen Forschern verfolgen. … Der Versuch,die Arbeitsweise des Gehirns auf der Basis der gängigen Voxel [gescannte Gehirnareale] zu entschlüsseln, gleicht deshalb einwenig einem Kurzsichtigen, aus der Ferne das Muster eines Pullovers zu erkennen.  …  Die fertigen Hirnscans sind von einem naturlastischen Abbild der Wirklichkeit so weit entfernt wie das berühmte Warhol-Porträt von der wahren Marylin Monroe. … Selbst hochrangige Wissenschaftler … hatten nicht nur den Zusammenhang zwischen Wirklichkeit und Hirnscan viel zu hoch angegeben, sondern ihn auch völlig falsch berechnet.“

Inzwischen überschlagen sich die Neuerscheinungen mit Kritik an der Hirnforschung. Z.B.:
Schleim, Stefan (2011). Die Neurogesellschaft. Wie die Hirnforschung Recht und Moral herausfordert. Hannover: Heise.

Wichtigste Erkenntnis der Hirnfoschung ist das bis ins hohe Alter sich erneuernde Gehirn und damit die Möglichkeit, stets neu zu lernen. Ansonsten hat die Hirnforschung bestenfalls bestätigt, was gute Lehrer aus Erfahrung wussten und praktizierten. So empfiehlt es sich weiterhin, nicht irgendwelchen Forschungsergebnissen und Theorien zu vertrauen, sondern in Selbst- und Fremderfahrung zu überprüfen, was stimmen könnte und was nicht. Nicht der Umstand, an teure Apparate heranzukommen, darf entscheidend sein, sondern das eigene exakte Beobachten. Wie gesagt: Wissen kommt von videre.

Was man aber nicht sieht und was kein noch so teurer Apparat nicht messen kann, muss deswegen noch lange nicht nicht existent sein. Wie oft machen wir die Erfahrung, dass wir – vielleicht nur zufällig – jemanden anschauen und dieser das bemerkt und zu uns herüberschaut. Oder denken wir nur an die Vorahnung von wichtigen Ereignissen. Nichts davon kann die Wissenschaft berechnen. Nicht zuletzt darin liegt auch das Geheimnis der Musik und ihrer Wirkung. Wir können nur den Weg dazu bahnen, sie aber nicht garantieren. Gnade ist nicht messbar.

Doch ist diese Erkenntnis kein Grund für Fatalismus. Vielmehr sollte die Auffassung, die David Brooks in seinem neuen Buch beschreibt, nicht nur Maßstab für Politik und Justiz sein, sondern ebenso und noch viel mehr für die Künstlerischen Therapien gelten.

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