Krankheit. Sphäre des Schaffens. Komponisten im Spiegel medizinischer Forschung

Trappe, H.-J. & Mastnak, W. (2015). Krankheit. Sphäre des Schaffens. Komponisten im Spiegel medizinischer Forschung. Lengerich: Pabst Science Publishers. 196 S., 25 Euro (ISBN 987-3-95853-041-6).

Dieses von bestechend exakter Recherche medizinischer Befunde zu Krankheiten berühmter Musiker, die das Leben Musikinteressierter unvermindert seit langer Zeit und tagtäglich so ungemein bereichern, gekennzeichnete neue Buch mit zahlreichen großenteils farbigen Bildern ist plakativ nicht, wie man erwarten könnte, zunächst nicht mit einem Hinweis auf Komponisten betitelt, sondern dem Anliegen der beiden Verfasser entsprechend mit „Krankheit“ und ihrer Einordnung als „Sphäre des Schaffens“. Erst dann folgt der erläuternde Untertitel, dass dies demonstriert wird an „Komponisten im Spiegel medizinischer Forschung“.

Diese völlig neue Sichtweise bei der Darstellung der erschütternden Biographien legt ihren Akzent auf das Anliegen von Musikhörern aller Zeiten, zu erfahren, wie es jenen bewunderten Heroen der Musikgeschichte in ihrem Leben ergangen ist. Längst geht es auch Musikpädagogen angesichts der in asiatischen Ländern zu Instrumentalmaschinen gedrillten Kinder nicht mehr in erster Linie um technische Perfektion, sondern um Spaß und Freude an jeder Art musikalischer Betätigung, wozu naheliegenderweise auch gehört, dass frühzeitig das Interesse für das hochdifferenzierte unerschöpfliche Wirkungspotential von Musik gehört. Um dieses zu erleben und mehr und mehr zu verstehen, bedarf es eines polaren und sich ergänzenden musikpsychologischen Zugangs zu Musik: MUSIKpsychologie einerseits als Psychologie des musikalischen Gehalts bzw. nicht nur der Musikanalyse von Noten, sondern auch der speziellen wirkungsspezifischen Verwendung musikalischer Substanzen und ihrer Zusammensetzung (Kom-position) analog zur Mischung von Ingredienzien durch Apothekern und aus der Naturmedizin bekannten Heilkundigen (Kräuterhexen, Medizinmännern, Alchemisten), und MusikPSYCHOLOGIE  andererseits als die Lehre von der Psyche und ihrer gezielten Beeinflussbarkeit durch alle Arten musikalischer Pharmazie. Musik galt bekanntlich zu allen Zeiten und überall als immer wieder bestaunte nie versiegende Quelle von Erbauung, Trost, Ermunterung und Antrieb, wozu keineswegs auf Berichte aus früheren Jahrhunderten zurückgegriffen zu werden braucht, sondern wie jeder Musiker egal welcher Richtung und ganz besonders oft Sängerinnen und Interpreten aus der Popmusik bekunden, weshalb ihnen die Massen trotz der damit verbundenen Unannehmlichkeiten zuströmen. Die bis zur Verzückung euphorisierende und Schmerz und Leid vergessen machende Wirkung  von Musik lässt sich auch im stillen Kämmerlein erspüren. Der für das Wirkungspotential von Musik Aufgeschlossene erspürt die zu allen Zeiten gerühmte Macht der Musik intuitiv und will sie nicht missen. Umso mehr muss es Sinn eines Musikunterrichts sein, gemäß Robert Schumanns Verständnis eines Künstlers „Licht senden in die Tiefen des menschlichen Herzens“.

Dieses Buch richtet sich laut Vorwort und Ankündigung des Verlags an „Musikinteressierte – Laien und Fachleute“. Es ist vor allem aber ein Buch für alle im Gesundheitsbereich Tätigen und natürlich ganz besonders für Musiktherapeuten.

Hochkarätiges fachkundliches Wissen im Sinne der erwähnten beiden Seiten von Musikpsychologie als Analyse musikalischen Gehalts und seiner Funktionalisierung im Sinne des individuumspezifischen Therapieziels garantieren die beiden Autoren. Univ.-Prof. Dr. med. habil. Hans-Joachim Trappe, konzertierender Organist mit zahlreichen CDs, wie sie eigentlich Resultat eines ausschließlichen Organistenlebens sein könnten (siehe http://www.hans-joachim-trappe.de/), ist aber hauptberuflich Direktor der Medizinischen Klinik für Kardiologie und Angiologie. Er weiß also am besten, wie es einem ums Herz ist. Er hat sich die Komponisten Bach, Mozart, Beethoven, Bruckner und Reger vorgenommen.

Univ.-Prof. Dr. Dr. Dr. Wolfgang Mastnak, ebenfalls habilitiert, den die Leser dieser Zeitschrift als unschätzbarer Gewinn in der Herausgeberschaft schätzen, ist nicht nur ein exzellenter Pianist. Er, studierter Mathematiker, darf als der wohl bedeutendste und tiefschürfendste Musiktherapeut bezeichnet werden. Er hat als Professor für Musikpädagogik an der Hochschule für Musik und Theater in München nicht nur Promotionsrecht  im Fach Musikpädagogik, sondern auch im Fach Musiktherapie. Dieses lehrt er allerdings hauptsächlich in Frankreich und Tschechien und vor allem in China. Am dortigen Shanghai Conservatory of Music und zudem an der Fudan University Shanghai ist er Professor für Musiktherapie (Hier sind noch weitere Stationen seiner beeindruckenden Tätigkeit genannt: http://www.mozart-science.at/fileadmin/download/CV_Wolfgang_Mastnak.pdf).  Wer ihn mal erlebt hat, weiß wie souverän er die unterschiedlichsten Sprachen beherrscht. Dass auch für ihn Musik im wörtlichen Sinne Herzenssache ist, ist auch aus seiner Funktion als Präsident des Österreichischen Herzverbands zu ersehen (siehe z. B. http://www.herzverband-tirol.at/pages/posts/hirn-an-herz-teil1-32.php).  Mastnak hat sich mit Schubert, Chopin, Schumann, Satie und Ravel befasst.

Wer sich nun dem Inhalt des Buches zuwendet, erlebt eine Überraschung nach der anderen. Mit zahlreichen Irrtümern und um sich jeweiligen Komponisten rankenden Geschichten wird gründlich aufgeräumt.

Sicherlich ist manch einem bekannt, dass Johann Sebastian Bach im Arrest saß, diese Zeit aber für seine Arbeit am „Wohltemperierten Klavier“ und zur Vervollständigung des „Orgelbüchleins“ genutzt hatte. Wie Mozart „hatte Bach vor der Obrigkeit keine Angst“ (S. 11). Wie er mit Schicksalsschlägen, die „sein Werk wesentlich beeinflussten“ (S. 12), umgegangen ist, sei nur angedeutet: Im Alter von 35 Jahren war seine Frau gestorben.  Von 13 Kindern aus der zweiten Ehe waren 7 schon früh verstorben. Sehr interessant und wie in allen seiner medizinischen Expertisen zu den von ihm gewählten Komponisten sind Trappes Erläuterungen etwa zu Bachs Glaukom, metabolischem Syndrom, apoplektischen Insult und zu den als „Organistenkrankheit“ bezeichneten Exostosen als Überbelastung von Gelenken beim Orgelspiel.

Auch bei Wolfgang Amadeus Mozart spielt der Tod eine prägende Rolle. Bei seiner Geburt lebte von sechs vor ihm zur Welt Gekommenen nur noch seine Schwester. Im Alter von 57 Jahren war seine Mutter verstorben. Seine Frau war „immer wieder ans Bett gefesselt“ (S. 26). Er selbst war aufgrund der nahezu unmenschlichen abverlangten Strapazen schon als Kind gesundheitlich überfordert. Trappe zählt zahlreiche Krankheiten auf. Er geht vor allem auf Mozarts Infektionen im Lebensjahr ein, worüber zahlreiche Geschichten ranken. Eigene Kapitel beschäftigen sich mit den Fragen „Wurde Mozart vergiftet?“, „Woran starb Mozart wirklich?“, „Alkohol, Spiel, Syphilis?“, „Tourette-Syndrom?“, „Asperger?“. Im Schlusskapitel „Epikrise“, die alle Biographien abschließt, filtert Trappe die zwei Abschnitte von Mozarts Leben und äußert sich abschließend zum „Geheimnis“ von Mozarts Tod.

Dass Ludwig van Beethoven unter den grausigen Belastungen, die schon früh auftauchten und sich zeitlebens noch verschlimmerten, überhaupt noch komponierte, war schon immer bestaunt worden, ist aber angesichts der detaillierten fachkundigen Diagnosen noch erstaunlicher. Seine Mutter war bereits 40-jährig verstorben. Allein schon die Stichworte in den Kapitelüberschriften lassen solch ein Leben als absolut unerträglich erscheinen: Pockennarben, Brille, Hörstörungen, Durchfälle, Koliken, Fieberschübe, Noncompliance, Hepatits, Lebenzirrhose, Ösophagusvarizen, Alkohol und „Spekulationen um Syphilis und Bleivergiftung“. Seine Depressionen und sein zeitweiliger Suicidgedanke sind so gesehen nur allzu verständlich. Umso mehr bewundern wir seinen unbeugsamen Willen:

„solche Ereignisse brachten mich nahe an Verzweiflung, es fehlte wenig, und ich endigte selbst mein Leben – nur sie die Kunst, sie hielt mich zurück, ach es dünkte mir unmöglich, die Welt eher zu verlassen, bis ich das alles hervorgebracht, wozu ich mich aufgelegt fühlte, und so fristete ich dieses elende Leben – wahrhaft elend, einen so reizbaren Körper,[5] daß eine etwas schnelle Verändrung mich aus dem Besten Zustande in den schlechtesten versezen kann – Geduld – so heist es, Sie muß ich nun zur führerin wählen, ich habe es – daurend hoffe ich, soll mein Entschluß seyn, auszuharren, bis es den unerbittlichen Parzen gefällt, den Faden zu brechen, vieleicht geht’s besser, vieleicht nicht, ich bin gefaßt.“[1]

Trappe beschließt sein Kapitel „Epikrise“ treffend mit Beethovens eigenem Wort: „Der Mensch besitzt nichts Edleres und Kostbareres als die Zeit.“ Trappe fügt hinzu: „Seine Zeit war kurz.“

Bereits in seiner Beschäftigung mit dem Leben von Franz Schubert stellt Mastnak die „medizinethische Frage, inwieweit eine Erforschung seiner Krankheitsgechichte nicht zu sehr in seine Intimsphäre eindringt, und ab wann der hermeneutische Gewinn für die Interpretation seiner Musik nicht mehr die ‚Verletzung‘ eines (wenn auch fiktiven) Post-mortem-Datenschutzes rechtfertigt“ (S. 77). Gleichwohl bestechen und erschüttern auch seine nicht minder akribischen Analysen von Schuberts Leben und leidensbedingten Niederschläge in seinem Werk. Vorweg: Schubert starb nicht an Syphilis. „Obwohl bei Schubert nie eine Syphilis-Diagnose auftaucht, wurde eine solche schon relativ früh in der Forschung vermutet und immer wieder bestätigt“ (S. 55). Mastnak geht daher dieser Frage eingehend nach und beschreibt zunächst  in eigenen Kapiteln die „historischen und soziokulturellen“ und „klinischen und therapeutischen Aspekte“ und gibt einen Eindruck davon, wie „horrend“ und „teils eine regelrechte Tortur“ (S. 67) ihre Behandlung damals war. Schließlich setzt sich Mastnak im Kapitel „Syphilis: Symptome bei Schubert“ mit der Quellenlage auseinander. Im Kapitel „Die terminale Krankheit“ beschreibt er, dass Schubert an der Krankheit gestorben war, der auch seine Mutter erlegen war. Im Weiteren wird geklärt: „Psychopathologische Einordnungen scheinen bereits von Anfang an zum Scheitern verurteilt zu sein“ (S. 69). Dazu führt Mastnak zahlreiche Belege an. „Inwieweit das Thema Tod hier für Schubert früh prägend wurde, kann nur gemutmaßt werden“ (S. 71). Immerhin ist er davon nicht weniger als die von Trappe vorgestellten Komponisten betroffen. „Von 16 Kindern der Familie erreichen nur vier das Erwachsenenalter.“ (S. 71). Als viel bedeutsamer wertet Mastnak Schuberts „(im Vergleich zu Beethovens Testament) zutiefst religiöser (…) Schrei aus der Lebensnot“ (S. 71). Mastnak beleuchtet damit im Kapitel „Romantische Negativhaltung, Wiener Fatalismus oder reaktive Depression?“ auch den zu Schuberts Zeit herrschenden Zeitgeist und befasst sich im darauf folgenden Kapitel „Naive Idylle, Homosexualität, Bindungsdilemma, Persönlichkeitsstörung – oder einfach Genie?“ mit den vielerlei Deutungen, die ganze Bibliotheken zu Schubert füllen. Immerhin belegt Mastnak abschließend anhand von Quellen die wohl Gültigkeit beanspruchende Sicht zu den beiden, teils im Allgemeinen Krankenhaus Wien entstandenen  Liederzyklen „Die Schöne Müllerin“ und „Winterreise“.

Wahrlich als nicht minder sonderlich, wenngleich ganz anders, erscheinen die Kalamitäten, mit denen Frédéric Chopin zu kämpfen hatte und an denen teils auch schon seine Schwester gestorben war. Bei beiden liegt eine neuro-psychiatrisch relevante Symptomatik als Ursache von Temperallappenepilepsie vor, die aber Chopins zugeschriebenen fragilen Charakter, seine Scheu und Auftrittsängste, seine Halluzinationen, Melancholie und sonstigen Ängste nicht stimmig erklären, sondern laut Mastnak, der anstelle des pathogenetischen Aspekts immer den daraus möglicherweise resultierenden salutogenetischen, kurativen Gewinn, wie er angesichts der in zunehmend alternden Gesellschaften lebenslanger Gesundheit eine  Rolle spielt, herauszustellen versucht, “innerer Motor und Inspirationspool seines Schaffens waren“ (S. 85). Diesen zeigt Mastnak in eigenen Kapiteln zu „kränkliche Konstitution und Lungen Probleme“, „Diarrhoe und gastrointestinale Probleme“, „Bronchopulmunale Probleme und Tuberkulose“, „Zystische Fibrose“, „Alpha-1 Antitrypsin Mangel“, „Depression und Angst“ bis hin zur „Elipsie“ anhand sauberst recherierten medizinischen Befunde., wie sie alle Beiträge dieses Buchs auszeichnen.

Es sprengt den Rahmen, auf die noch folgenden Komponisten einzugehen. Um die Schönheit und jeweils singuläre Einzigartigkeit und Vollkommenheit ihrer Musik zu bestaunen und sich von ihr erfüllen zu lassen, muss man nichts von den bedrückenden Beschwernissen, unter denen diese Komponisten zu leiden hatten, wissen. Und man braucht auch keine Kenntnisse, wie sie mit diesen Schicksalen umgegangen sind. Aber wer sich in sie vertieft, tut das mit unschätzbarem Gewinn im Sinne beider Seiten von Musikpsychologie. Dieses Buch ist somit Lebenskunde und demonstriert in vielfachen Facetten und Varianten, wie große Geister Bedrängnissen standgehalten und in beispielhafter Anstrengung und Disziplin und je nach Temperament mit vorbildlichem Streben nach optimistischer Gelassenheit und Souveränität in die ihnen gegönnte Zeit zu Kompositionen genutzt haben. Dieser trotz und oftmals gerade unter fürchterlichsten körperlichen Schmerzen und seelischen Verwundungen entstandenen Werke werden immer und überall musiziert, neu interpretiert und gehört. Sie sind Heilsam wie allgemein bekannt und tagtäglich erlebt für das Selbst als Einheit von Proto- und Kernselbst und Bewusstsein, Antonio Damasio als das einer der wichtigsten Gehirnforscher, beschreibt als Persönlichkeit, die ihre eigene Musik, eine Symphonie von Erfahrungen, Erlebnisweisen und kognitive Attribuierung repräsentiert. Den beiden Autoren Hans-Joachim Trappe und Wolfang Mastnak kommt das nicht hoch genug zu veranschlagende Verdient zu, ein längst dringend benötigtes Buch von bleibendem Wert vorgelegt zu haben, das jedem, der sich Musik zuwendet, die Augen öffnet und zu Sichtweisen anregt, die nicht nur die Musik im Sinne der Komponisten und ihrer jeweiligen Interpreten vergleichen und nachempfinden lassen, sondern auch vielerlei Impulse für die eigene Gestaltung von Überliefertem, für die Verwendung in allen Lebenslagen und vor allem natürlich für eine adressatenorientierte Psychotherapie geben.


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