Welches Buch?

Diese Frage wird oft gestellt. Die Antwort lautet meist: Prinzipiell jedes Buch, wenn beim Lesen Folgendes beachtet wird: In den künstlerischen Therapien gibt es relativ wenige wissenschaftlich zu nennende Publikationen. Schließlich erfüllen nicht einmal alle Professoren für Musik- oder Kunsttherapie die Voraussetzungen, die laut Hochschulgesetzen für eine Berufung und somit auch für eine qualifizierte und kompetente Lehrtätigkeit gelten müssten.[1] Zur Tanztherapie gibt es hierzulande eine einzige, noch dazu promovierte Professorin mit einem an der Musikhochschule absolvierten Tanzstudium und einem abgeschlossenen Universitätstudium. Schriften zu künstlerischen Therapien sind häufig Qualifikationsarbeiten wie Diplom-, Bachelor-, Master-, Examensarbeiten und Dissertationen.[2] Oft handelt es sich um euphorische Erfahrungsberichte, deren Erkenntniswert wegen ihrer fehlenden Generalisierbarkeit oftmals gering ist.[3]  Eine geschäftstüchtige Anbieterin, die 1986 von mir promoviert werden wollte, hat gar ein auch von weiteren mit ihr gleichgesinnten Inhaberinnen privater Angebote propagiertes System mit Copyright versehen, obgleich es die von mir in den USA mehrfach aufgesuchte Autorin selbst für gänzlich überholt bezeichnet und mir ihr diesbezügliches dickleibiges Buch von 1967 geschenkt hatte. Aus den bisweilen vorbildhaften Berichten erfahrener Praktiker zu ihren Methoden ist jedoch viel zu lernen[4]. Gleichwohl sollte jede nicht evtl. als Poesie wertbare Lektüre den Kriterien unterworfen werden, die für wissenschaftliche Publikationen gelten. Eine Richtigstellung der Wikipedia-Artikel etwa zum Begriff „Künstlerische Therapie“ und vor allem zur Tanztherapie wird meist noch am selben Tag gelöscht. Die zahlreichen Proteste z. B. des Medienanwalts Markus Kompa waren vergebens. [5a] [5b]

Musik-, Tanz- und Kunsttherapie sind als Angewandte Musik-, Tanz- bzw. Kunstpsychologie in der doppelten Bedeutung der Begrifflichkeit als Analyse der Wirkungssubstanzen und des Gehalts des Mediums und als Lehre von seiner Funktionalisierung als modifizierfähiges Pharmakon im Sinne der Heilkunde zu verstehen. Mit den beiden Begriffspolen sind also einerseits die Gegebenheiten beim Patienten, dessen Disposition und Erleben als ein metaphorisches System von  wohltuend stimmiger oder aber krankmachend chaotisch dissonanter innerer Repräsentation zu betrachten und andererseits das in der Einzel- und Gruppentherapie im Hinblick auf die individuellen Therapieziele des jeweiligen Patienten geeignete Medium zu funktionalisieren. Novalis (1772 – 1801) vertrat ja bereits  die Auffassung: „Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem, die Heilung eine musikalische Auflösung.“ Und Friedrich Nietzsche hatte schon empfohlen: „Trau keinem Satz, der im Sitzen geschrieben ist“, ganz zu schweigen von Mary Wigman (1896-1973), auf die sich die Tanztherapie beruft. Und wie Gustav Mahler (1860-1911) „Das Wesentliche in der Musik steht nicht in den Noten“ sagt auch Paul Klee (1879 – 1940): „Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern Kunst macht sichtbar.“ Dazu aber sollte die Zusammensetzung der Wirkungssubstanzen und der immanente Gehalt eines künstlerischen Mediums unter Anwendung der vier Stufen wissenschaftlicher Analyse erschlossen und die für sein Wirkungspotential maßgebende Hierarchie immanenter und interpretatorischer Parameter im individuumsorientierten Umgang mit ihnen so verwendet und unter Berücksichtigung der vier Modi künstlerischer Interpretation gestaltet werden, dass sie je nach Bedarf sowohl eine remoralisierende, remediatisierende oder rehabilitierende bzw. eine diagnostische, erlebnisvertiefende oder handlungsaktivierende Funktion haben kann. Wer unter diesen Aspekten Erfahrungs- und Forschungsberichte liest und zuvor eine konkrete patientenbezogene Mediumsanalyse im Sinne von Psychologie als wissenschaftlicher Lehre vom Repräsentantem seines  inneren künstlerischen Tuns betreibt, für den kann jede diesbezügliche Lektüre bereichernd sein; schließlich lassen sich an ihr die Fertigkeiten in der Anwendung der beiden Seiten einer  Angewandten künstlerischen Psychologie trainieren, wie sie etwa in dem Buch „Musik in der Heilkunde. Wissenschaftliches Lehrbuch Musiktherapie“ beschrieben sind, aber wegen seines Abstraktionsniveaus nur im dazugehörigen Weiterbildungsstudium systematisch erlernt werden können und im Beruf oder auch im Alltag immer wieder trainiert werden müssen, bis der erstrebte Therapieerfolg erfahrungsgemäß erreicht wird.

[1] Der Leiter dieses Weiterbildungsstudiums dagegen hat sich nicht nur bereits als Student mit künstlerischen Medien befasst und sich bei Vorbildern umgesehen. Er hat habilitiert, zweimal promoviert, noch dazu mit „summa cum laude“, drei Musikhochschulabschlüsse, langjährige Erfahrung als konzertierender Musiker und als Lehrender an Medizinischen Fakultäten. Wenn man logischerweise Therapie als nachträgliche Pädagogik (Ruth Cohn, 1970) versteht, dann kommen ihm auch sein 1. und 2. Staatsexamen und seine hauptamtliche Tätigkeit am Gymnasium wie auch seine nebenberufliche, unentgeltlich erbrachte jahrelange Unterrichtstätigkeit an Grund- und Realschulen, seine Betreuung von Schulpraktika in der Lehrerausbildung und seine Tätigkeit in Kindergärtnerinnenfortbildungen und als künstlerischer Therapeut mit Heilpraktikerzulassung und als Supervisor für künstlerische Therapien an einer großen Klinik für Psychiatrie zugute.

[2] Wie die Liste der Dissertationen und Habilitationen über musiktherapeutische Themen zeigt, wird großenteils bei Personen promoviert, die entweder keine Musikhochschule oder keine Universität oder beides nicht absolviert haben. Viele von mir begutachteten Dissertationen und Habilitationen sind in der Liste nicht vertreten.
Dort fehlt aber auch die Habilitationsschrift eines einflussreichen österreichischen Musiktherapieprofessors, in der er die Lehre seines Sufimeisters Dr. Rahmi Oruc Güvenc verwirft. Angesichts der Verhältnisse in Deutschland hatte ich sie in meinem im Auftrag der Univ. Wien erstellten 16seitigen Gutachten befürwortet, obwohl das Musiktherapiestudium bereits nach dem 1. Semester abbrach. Seine Dissertation ist mir nicht bekannt. In Österreich müssen Dissertationen und Habilitationsschriften nicht veröffentlicht werden. Dissertationen können an den betreffenden Universitätsbibliotheken eingesehen werden.

[3] Ein dagegen in jener Liste aufgeführtes, gleichzeitig an der einen Universität als Magisterarbeit und an einer anderen Universität als Dissertation eingereichtes Buch mit einem jeweils anders lautenden Titel zur Musiktherapie, aber nahezu vollständig mit von mir stammenden, längst veröffentlichten Texten, Vorträgen und Seminarpapieren hatte zum Erreichen einer Universitätsprofessur und damit erstmals festen Anstellung gedient. Dass die Texte nicht Musiktherapie, sondern Tanznotation und Tanzdidaktik betreffen und die Buchtitel mit dem Inhalt nichts zu tun haben, war den getäuschten Universitäten nicht aufgefallen. Wegen eines gegen diesen mit zahlreichen Titeln ausgestatteten Lehrstuhlinhaber eröffneten Disziplinarverfahrens anlässlich einer Mitarbeiterin, die sich seinetwegen nicht scheiden lassen wollte, hatte er gegen seine Universität und ihren Präsidenten jahrelang erfolglos prozessiert. Auch den gegen mich geführten, keineswegs letzten seiner zahlreichen Prozesse hat er am 26.2.2018 vor dem Oberlandesgericht Hamm verloren. Am 18.7.2017 hatte er gegen einen Hamburger Musiktherapieprofessor beim dortigen OLG verloren. Obgleich allein schon die Straftat eines mit Betrug erworbenen Doktortitels nicht verjährt, werden ihm die gemäß Gesetz zu entziehenden  Titel und Beamtenrechte belassen. Die von ihm ermöglichten Doktortitel bleiben ohnehin gültig.

Es gibt in den künstlerischen Therapien zahlreiche krasse Fälle. Eine Ausbildungsleiterin und als unprofessorabel abgewiesene Bewerberin wurde zum „Dr. med.“ promoviert und fand eine Anstellung an einer Universität, obgleich sie für die rechtswidrige Führung ihres von einer Privathochschule ausgestellten, nirgendwo anerkannten M.A.-Titels, auf der ihre Promotion beruht, zu einer drastischen Strafe verurteilt worden war. – Ein singulärer, weltweit renommiertester Musiktherapeut hat kurioserweise an seiner Institution zwar Promotionsrecht auch für Musiktherapie, darf  das Fach aber wegen des an der benachbarten Hochschule von einer Sozialpädagogin ohne Musik- oder Musiktherapiestudium geleiteten Musiktherapiestudiengangs nicht lehren, lehrt dagegen Musiktherapie in anderen inner- und außereuropäischen Ländern als Direktor des Forschungsinstituts für Künstlerische Therapien an Chinas Eliteuniversität Beijing Normal University und als Direktor des Musiktherapiestudiengangs an der Universität in Shanghai.

[4] Ein eher knapper Bericht in der Südwest Presse vom 24.8.2018 etwa zeigt bereits unschwer, dass die an der Universitätsklinik in Ulm tätige Diplom-Psychologin mit absolviertem Musiktherapiestudium in jeder Hinsicht vorbildlich musiktherapeutisch arbeitet. Auf den Doktortitel, der bei den in der Fußnote 2 erwähnten Liste genannten führenden Titelvergebern leicht zu erhalten ist, ist sie nicht angewiesen. Auch unter meinen Absolventen habe ich manche in erster Linie um das Wohl der Patienten besorgte exzellente Praktiker kennen und schätzen gelernt. Hier mit freundlicher Genehmigung von Nicola Scheytt und der „© Südwest Presse Ulm, Fotograf:..“ die Verlinkung auf den dort erschienenen Bericht.

Eine Meldung vom 5.9.2018 zur Inflation von Dissertationen: „Der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, Peter-André Alt, hat die hohe Zahl von etwa 30.000 Promotionen pro Jahr in Deutschland kritisiert. „Diese Entwicklung müssen wir kritisch hinterfragen“, sagte Alt dem „Handelsblatt“ aus Düsseldorf vom Mittwoch. Eine Promotion sei in Deutschland attraktiv, weil sie bei der Karriere helfe. Doch die Hochschulen brauchten „diese Masse“ nicht. „Am Ende bleibt nicht einmal jeder fünfte in der Wissenschaft“, sagte Alt.

Dazu passt die seit Jahren und am 8.1.2019 in den WN wiederholte Pressemeldung „Das geschenkte Einser-Abitur„, das die Akademikerschwemme und das Fehlen von Praktikern bedingt. Das deutsche Gymnasium gilt im europäischen Ausland als Ersatz für die weitgehend abgeschaffte Hauptschule. Während früher ein Dr.-Titel durch Anfertigen einer Dissertation erworben werden musste, ist in z. B. NRW die Anwesenheitspflicht abgeschafft, gibt es inzwischen kumulative Promotionen und wurden Promotionsstudiengänge mit Anwesenheitspflicht eingerichtet, die die Betreuung von weit weg Wohnenden meist verhindert. Für eine Masterarbeit werden z. T. nur noch maximal 50 Seiten verlangt, was immer noch die Anforderungen zum Master in den USA übertrifft, wo eine zehn Seiten umfassende Literaturliste für die Bewertung durch eine Lehrbeauftragte und eine Studentin ausreicht, wie eine mir zwecks Bewerbung an meinem Institut eingereichte M.A.-Abschlussarbeit zeigt. Patienten und Kliniken mit Ärzten mit üblicherweise wenigen Seiten umfassenden Dissertationen legen auch bei künstlerischen Therapeuten mit Diplom oder M.A. oder Dr. nicht Wert auf akademische Titel. Künstlerische Therapeuten zählen meist nicht zum wissenschaftlichen Personal wie Psychologen und Ärzte, sondern zu den nichtwissenschaftlichen Mitarbeitern. Um solch eine begehrte Stelle zu erhalten, werden eine gute Ausbildung und Befähigung zur Praxis gefordert, wie sie nur Lehrende vermitteln können, die über die umfassenden Qualifikationen verfügen, die man aber selten an Hochschulen findet, auch wenn sie die Bezeichnung „Professor“ führen, tatsächlich aber z. B. „Studienrätin im Hochschuldienst“ sind, noch dazu ohne ein Lehramtsstudium absolviert zu haben. Es empfiehlt sich, den Werdegang von Anbietern genauer anzusehen. Studienzeit ist schließlich kostbare Lebenszeit. – Wer aber unter Musiktherapie ohnehin nur „vibrierende Entspannung“ mit Klangschalen oder Klangliege versteht, braucht dafür kein Studium. Doch ist daran einerseits die in der MTK 2008 beschriebene Inflation der Bezeichnung „Künstlerische Therapien“ zu ersehen, andererseits aber auch wie vielseitig Angewandte künstlerische Psychologie (Musik für die Psyche usw.) verstanden wird und keineswegs strenger Wissenschaftlichkeit bedarf, zumal die momentan dominierende maschinengenerierte  Hirnforschung[1] bereits 2012 jährlich 40.000 Veröffentlichungen erbracht hat. Um die Flut der durch die Möglichkeiten von EEG und MEG, der Computertomographie in Form von PET, fMRI, TMS und Multiphotonen-, konfokalen Mikroskopie und Optogenetik usw. zur Kenntnis zu nehmen, reicht nicht die Lebenszeit. Der Laie hat ohnehin keinen Zugang zu einem fünf Tonnen wiegenden, bereits 2013 drei Millionen € teuren Kernspintomographen[2].

Natürlich sollte auch ein Praktiker die Forschungslage verfolgen, selbst wenn er oftmals nicht findet, was ihm wichtig ist. So z. B. sucht man trotz des Umfangs des von Lehmann & Kopiez 2018 herausgegebenen Handbuchs für Musikpsychologie von 800 Seiten  nach einigen für die Praxis der Musiktherapie wichtigen Autoren und Phänomenen vergebens. Es erscheint daher angebracht, sich  gemäß Altenmüllers Erkenntnis, wonach ein guter Unterricht seit jeher ohne solche Messergebnisse auskommt, anderweitig in der Musikgeschichte umzusehen und Erfahrungen aus der Lebenswelt zu nutzen. Vor allen sollten künstlerische Therapeuten den Austausch mit anderen kompetenten künstlerischen Therapeuten pflegen, um über den engen Zaun seines Spezialgebiets zu schauen, was der Zweck der „Wissenschaftlichen Gesellschaft“ von 1984 ist. Dass darin die oben erwähnten „Koryphäen“ keine Chance haben, versteht sich von selbst.

[1] Spitzer, M. (2012). „Gehirnforschung für die Schule“ (9.2.2012) https://youtu.be/R1eOd4mNUEQ

[2] Spitzer, M. (2013). Lernen – Die Entdeckung des Selbstverständlichen. [zur „Metakognitiven Kernkompetenz“] https://www.youtube.com/watch?v=CujLrwHbYtY&t=4057s

[3] Altenmüller, E. (2018). Vom Neandertal in die Philharmonie. Warum der Mensch ohne Musik nicht leben kann. Berlin: Springer.

[5c] Erfahrungen mit Wikipedia

Zitat: «Bei Recherchen entdeckte ich Ende 2007 zufällig einen Artikel zu einem polit­historischen Thema, der sich definitiv in einem – sagen wir mal ganz diplomatisch – „unqualifizierten Zustand“ befand. (…) Der Artikel wurde von einem Benutzer verteidigt, den ich damals für einen gleich­berechtigten Benutzer hielt. Und dem Benutzer wurden Admins gefällig, die ich für normale Admins hielt. Ich saß ahnungslos in der Falle.

In Wirklichkeit hatten sich meine Gegner konspirativ verschworen: Durch die Bank weg handelte es sich um Herrschaften des Hamburger Wikipedia-Stammtisches[pp], die ein Kartell bildeten. Ebenso wenig wie Franz Kafka[wp] hatte ich von Anfang an auch nur die allergeringste Chance, mit Sach­argumenten durchzudringen. Doch dies alles war mir damals unbekannt gewesen.

Die geringste Schärfe im Ton konnte als angeblicher „persönlicher Angriff[wp] gewertet werden, etwa die das Absprechen jeglicher Kompetenz auf einem bestimmten Gebiet, was allerdings nachweislich der Fall gewesen war. Umgekehrt durfte man sich mir und meinen Mitstreitern jede Demütigung herausnehmen und die Regeln wissenschaftlicher Arbeitsweise sowie die Wikipedia-Regeln nach Belieben ignorieren. Mein Gegner und seine Schergen waren sakrosankt. Wie gesagt, die Zusammenhänge hinter den Kulissen und der Admin-Corpsgeist waren mir unbekannt, auch wenn mir schon damals einige überflüssig abschätzige Kommentare von Admins merkwürdig temperamentvoll vorkamen.» – Markus Kompa[4]

Zitat: «Die Wikimedia-Herrschaften, mit denen ich bisher das Vergnügen hatte, haben wenig mehr Persönlichkeit erkennen lassen als trotzige Pubertierende mit Corpsgeist. Und da die Wikimedia durch die Spenden über bemerkenswerte finanzielle Möglichkeiten verfügt, Geld jedoch bekanntlich den Charakter verdirbt, halten die sich für unantastbar.» – Markus Kompa[5]
Zitat: «Nach den Jahren des Aufbruchs haben die meisten Autoren der Wiki-Community längst den Rücken gekehrt. Die einstige Idee des kollektiven Wissens wird heute von einer überschaubaren Clique untereinander heftig zerstrittener, provinzieller Streithanseln dominiert, die ihre Intriganz allenfalls dann überwinden, wenn es gegen Leute von außen geht.» – Markus Kompa[5]

Zu guter Letzt sei auf ein neues, ungemein lesenswertes Werk hingewiesen. Da das Erscheinen der Rezension in der MTK noch auf sich warten lassen dürfte, sei sie vorweg hier abgedruckt:

Altenmüller, Eckart (2018). Vom Neandertal in die Harmonie. Warum der Mensch ohne Musik nicht leben kann. Berlin: Springer-Verlag. Zahlreiche Abbildungen, Tabellen, Elektronisches Zusatzmaterial zu jedem Kapitel und zahlreiche Links zu Hörbeispielen. Als Hardcover ISBN 978-3-8274-1681-0, 511 Seiten, 24,99 €, als eBook ISBN 978-3-8274-2186-9, 19,99 €.

Musik umspannt Raum und Zeit. Sergej Prokofjew nennt sie zwei Schwestern, die eine infrarot, die andere ultraviolett. Nicht selten erscheinen beide verrückt und doch auch immer wieder berückend. Wie gut tut es, ganz im Gegensatz zu Adornos Typen des guten Zuhörers mitunter den präfrontalen Cortex auszuschalten, sich mitreißen und betören zu lassen oder sich musikgesteuert träumerisch jenem Zustand des default mode networks hinzugeben, in dem das Gehirn hoch aktiv sich selbst überlassen ist und man danach entspannt und erholt seinen Geschäften nachgehen kann – ganz in Erinnerung an Novalis, der jede Krankheit als musikalisches Problem und ihre Heilung als Lösung der inneren Dissonanzen verstand, was wiederum u.a. mit dem bioenergetischen Modell von Wilhelm Reich erklärbar war und heute zur Emergenz als fraktaler Selbstoptimierung erweitert worden ist. Dass dieser Ruhezustand steigerungsfähig ist, weiß jeder, der sich ihm unter Musikeinfluss mit tiefem Erleben des jeweils spezifischen flow aussetzt. Odysseus und die Sirenen, Hanno in den Buddenbrooks u.v.a.m. lassen grüßen. Aber keineswegs nicht nur. Die dem dionysischen Pol entgegengesetzte, ohne ihn aber funktionslose apollinische Seite öffnet die Augen,  worüber seit Jahrhunderten viel geschrieben worden ist.

Wer könnte die Verwandtschaft und spezielle Eigenständig musikalischer Facetten und ihr Wirkungspotential auf die „Symphonie“ (Antonio Damasio, 2010) des seine innere Musik repräsentierenden Menschen heute besser erklären als Eckart Altenmüller, ausübender Musikhochschulabsolvent mit Konzertreifeprüfung und Neurologe, Direktor des Instituts für Musikphysiologie und Musiker-Medizin der Hochschule für Musik Hannover. Sein Buch übertrifft alle Erwartungen.  

Das Buch ist in fünf gewichtige Kapitel gegliedert: 1. Vom Wesen der Musik, 2. Musik hören – Musik entsteht im Kopf, 3. Musik machen, 4. Musik fühlen, 5. Mit Musik heilen.

Altenmüller blättert die Situation der Musik bei den Neandertalern bis heute auf. Erst einmal klärt er die verschiedenen Auffassungen von Musik. Seine eigene umfassende Musikdefinition auf S. 9 und S. 73  variiert auf S. 483.

Wer den Technikdrill an der Musikhochschule erfahren musste, stimmt seiner Forderung nur allzu gern zu: „Geboten ist die Hinwendung zum eigentlichen Inhalt der Musik, zur Vermittlung von Emotionen“ (S. 334). Inhaltsschwer ist dementsprechend das Kapitel „4. Musik fühlen“, auch wenn der Autor im Glossar auf eine andere Liste von Emotionen (S. 472) als in seiner zitierten Stelle (S. 356) und Untersuchung  (S. 447) verweist. Wenn man irgendwelche Leute bittet, spontan Gefühle zu nennen, bekommt man, wie seit Jahrzehnten überprüft und jederzeit nachprüfbar, an erster Stelle meist die zitierten vier „Grundgefühle“ (Gutjahr, L., Machleidt, W. & Mügge, A., 2011², Berlin) zu hören. Altenmüller unterscheidet  jedoch „die lebensnotwendigen Grundgefühle oder Basisemotionen von den ästhetischen Emotionen, wie sie das Hören einer schönen Musik auslöst“ (S. 394) und weist dazu auf die unterschiedlichen Facetten von „Musik als emotionaler Kommunikation“ hin.

Sehr interessant seine Erkenntnisse zu „Musik ist Schall“, „ist Klang“, „ist Gedächtniskunst“, „ist Konstruktion“, „als Trost für die Seele“, „gegen das Vergessen“, „erhöht die emotionalen Kompetenzen“.

Zahlreiche Fragen werden gründlich diskutiert und überzeugend gelöst, z. B. „Machen Tiere Musik?“, „Mögen Tiere Musik?“, „Musik als Ursprache?“,  „Musizieren als Hochleistungssport?“, „Was bedeutet Üben für das Gehirn?“, „Welche Musiker erkranken?“, „Macht Musik klüger?“ Gespannt darf man auf Altenmüllers Ergebnisse zu seinem neuen Projekt der Sonifikation beim Musizieren sein (S. 425); zur Sonifikation im Sport hat der Sportwissenschaftler Effenberg seit 1995 etliche überzeugende Studien publiziert.[1]

Die Fülle kompliziertester neuroanatomischer Sachverhalte sind anhand von anschaulichen Graphiken derart gut erklärt, dass sie auch für einen Laien nachvollziehbar werden. Das Wissen, was beim Umgang mit Musik im Wunderwerk des Menschen geschieht, muss unweigerlich zu tiefer Demut und umso größerem Bemühen anregen, beim Singen, Musizieren und Musikhören sich des  „Handwunders“ (S. 217 ff.), „Gehirnwunders“  (S. 270 ff.) , „Wunders von Helsinki“ u.a. immer mal wieder bewusst zu werden und im musikalischen Tun allein und mit anderen Musik als Komposition oder Improvisation so zu gestalten, dass ihr musikpsychologischer Gehalt gleicherweise wie ihre musikpsychologische Funktionalisierbarkeit erlebbar werden. „Hören formt das Gehirn“, lautet dementsprechend eine Überschrift, „die Diktatur des Ohres“ eine andere. Mit „Apollos Fluch“ muss jeder Künstler rechnen.

Die vielen Anekdoten machen das Buch zu einem köstlichen Lesevergnügen. Besonders sympathisch auch die Erfahrungsberichte aus dem Leben des Autors. Man spürt förmlich die Heiterkeit dieses Musikers und seinen Humor.

So schwierig die Fragen nach dem Woher der Musik, nach dem Wie der Musikwahrnehmung und nach den Gründen, warum wir Musik haben, auch sein mögen; Altenmüller hat sie umfassend beantwortet. Dieses Buch, das „Die Kunst des Musizierens: Von den physiologischen und psychologischen Grundlagen zur Praxis“ (2013) ergänzt und gar noch übertrifft, ist somit fraglos ein Muss für jeden Musikausübenden, insbesondere für Musikpädagogen und –therapeuten.

 „Musik ist für uns Menschen sehr wichtig. Sie kann unser Leben ungeheuer bereichern, sie kann in schweren Stunden Trost sein, sie kann uns das Gefühl der Gemeinschaft geben und Einsamkeit vertreiben und sie kann uns emotionale Räume eröffnen, die wir mit Worten nicht beschreiben können“ (S. 459).

So ungeheuer wertvoll die neurologisch fundierten Argumente zum Untertitel des Buchs „Warum der Mensch ohne Musik nicht leben kann“ – vielsagend ohne Fragezeichen – auch sind, so könnte der dicke Wälzer doch manche Praktiker, die ohne die momentan dominierenden maschinengenerierten neuronalen Befunde auszukommen versuchen, abschrecken, zumal es nahezu unmöglich erscheint, bei bereits 2012 jährlich 40.000 Veröffentlichungen zur Hirnforschung[2] die Flut der durch die Möglichkeiten von EEG und MEG, der Computertomographie in Form von PET, fMRI, TMS und Multiphotonen-, konfokalen Mikroskopie und Optogenetik usw. zur Kenntnis zu nehmen. Der Laie hat keinen Zugang zu einem fünf Tonnen wiegenden, bereits 2013 drei Millionen € teuren Kernspintomographen[3]. Wie laut Husserls Scheinwerfertheorie nahelegt, lässt sich die naturwissenschaftlich überprüfbare komplexe Realität nicht erfassen, was selbst der Savant nur punktuell vermag und dadurch handlungsunfähig ist. Der Gesunde orientiert sich an einer mehr oder weniger von ihm gestalteten und ihm angemessenen pluralistisch-erfahrungsbezogenen Wirklichkeit, die die Hirnforschung nicht erklären kann. Entsprechend beruhigt der konzertierende Musiker Eckart Altenmüller (S. 159): 

Eine technische Herausforderung für das Verständnis der hirnphysiologischen Vorgänge bleibt deren Komplexität. Schon ein einziges Neuron ist ein Kleincomputer, das bis zu 50 000 eingehende Impulse von anderen Nervenzellen verarbeitet. Bereits auf dieser Ebene stehen die Wissenschaftler vor einer schier unlösbaren Aufgabe, denn bislang ist es nicht einmal in Ansätzen gelungen, diese 50 000 Eingänge in einem Neuron darzustellen, geschweige denn, bei der Arbeit zu beobachten. Der elegante Hilfsgriff, durch künstliche Netzwerke Berechnungen darüber anzustellen, wie sich derartige Neurone verhalten, erlaubt nur ganz bedingt Rückschlüsse auf die bunte Vielfalt der Wirklichkeit. Und wenn man nun bedenkt, dass ca. 100 Milliarden Neurone unserer Großhirnrinde über jeweils ca. 50 000 Verbindungen miteinander sprechen, dass dieser Informationsaustausch oft nur wenige Millisekunden dauert und sich die miteinander in Kontakt befindlichen Synapsen in Bruchteilen von Sekunden verändern, dann kann man sich vorstellen, dass diese Vorgänge für uns Menschen vielleicht nie erfassbar werden – selbst wenn es gelänge, an jeder einzelnen der 50 000 x 100000 000 000 Überträgersynapsen eine winzige Elektrode anzubringen und einen gigantischen Computer mit der Datenflut zu füttern. Der Computer müsste dann noch die Veränderungen der Überträgereigenschaften an den Synapsen berechnen, das Wechselspiel zwischen Neuronen und umgebendem Stützgewebe, das Neuentstehen und Absterben von Verbindungen und Nervenzellen, die Einflüsse von Stoffwechsel, Tageszeit, Bewusstseinslage und, und, und.“

Nur am Rande sei bemerkt, dass die Disziplin der Pädagogik durch ihr Erfahrungswissen der Hirnforschung in der Regel weit voraus ist“ (S. 171).

Dieses Buch sprüht von Begeisterung über das musikalische Wirkungspotential und setzt sich damit wohltuend ab von musikpsychologischen Werken, bei denen man den Eindruck hat, dass ihre Verfasser über etwas schreiben, das sie nie erlebt haben. Als ob sich Liebe mit dem Meterstab verstehen ließe [4]

Dieses Buch gehört zur unabdingbaren Pflichtlektüre von Musiktherapeuten und ist gleichermaßen bedeutsam für die Tanztherapie, die ohne Musikverständnis kaum echte Therapiefortschritte erreichen kann, zumal nahezu keine(r) der Tanztherapieausbildungen durchführenden Sozial- und Heilpädagogen, Psychologen und Sportlehrern ein professionelles Tanzstudium absolviert hat und der in den USA nicht selten mit einer von einer Lehrbeauftragten und einer Studentin begutachteten dünnen Thesisarbeit erworbene Titel M.A. für Tanztherapie zurecht nicht anerkennungsfähig ist. In seinen Radiosendungen und im Internet abrufbaren Vorträgen betont Eckart Altenmüller seit Jahren mit Nachdruck die Wichtigkeit von Tanz.  

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